Artikel erschienen zur Berlinale 2004
Am letzten Tag der Berlinale gibt es eine ganz besondere Gelegenheit: Die Infernal Affairs-Trilogie der Regisseure Andrew Lau und Alan Mak ist ab 17:00 im Cinestar 8 zur Gänze zu bewundern. Teil eins der drei Filme lief bereits im vergangenen Jahr im Forum der Berlinale, dieses Jahr sind die Teile zwei und drei an der Reihe. Da allerdings die beiden gleichzeitig gedrehten Fortsetzungen ohne Kenntnis des ersten Teils wohl schlichtweg unverständlich sind, empfiehlt sich für all jene, die den ersten Teil im letzten Jahr verpasst haben, die Wahrnehmung des Triple Features am Berlinale Kinotag. Anders als beispielsweise bei Matrix, dessen beide Fortsetzungen auch gemeinsam produziert wurden, gelingt den Regisseuren in diesem Fall das Experiment: Die drei Filme behalten im Gegensatz zu den Matrix-Filmen Teil 2 und 3, die einander wie ein Ei dem anderen gleichen, alle eine unterschiedliche Atmosphäre, sie setzten ihre Schwerpunkte anders, und bleiben dennoch als zusammengehörige Arbeit geschlossen.
Wer die Hinterhof-Schlägereien aus Fight Club für die Ausgeburt einer kranken Fantasie gehalten hatte, wird hier eines Besseren belehrt: Mit seiner Videokamera macht sich Regisseur Paul Hough auf die Reise durch Amerikanische Hinterhöfe, um Jugendlichen dabei zuzusehen, wie sie sich beim Backyard Wrestling gegenseitig auf Stacheldraht werfen, mit Benzin übergießen und anzünden oder mit Rasierklingen das Gesicht aufschlitzen. All das freiwillig, versteht sich, und im friedvollen Einvernehmen mit dem malträtierten Gegner. Nach dem Kampf ist dann auch vor dem Kampf, und man sitzt mit blutüberströmtem Gesicht gemeinsam auf dem elterlichen Sofa bei einer heißen Schokolade, während die liebevolle Mami im Nebenzimmer bereits den Stacheldraht für den neuen Kampf auf einem Holzbrett befestigt. Reichlich grotesk wirkt das alles auf den ersten Blick, und doch erkennt man schnell die wahren Dramen, die hinter den Kämpfen stecken. Die Teenager gehen nicht wirklich voller Aggression aufeinander los, vielmehr versuchen sie mit ihren von vorneherein auf einen Gewinner festgelegten Kämpfen eine blutige Show zu bieten, die es ihnen erlaubt, mit ihrem Leben fertig zu werden.
Die Reflexion im Spiegel verselbstständigt sich und wirft all den Selbsthass des Protagonisten zurück auf seine Umwelt. Eine Hasstirade bricht los, gegen all die Obdachlosen New Yorks, die einen auf der Strasse anpöbeln genauso wie auf den eingewanderten Gemüsehändler an der Ecke, gegen die jüdischen Schmuckverkäufer in den Cafés genauso wie gegen die Terroristen bin Ladens, die New York seine Narbe beigebracht haben, gegen Gut und gegen Böse. Am Ende des Films werden all die verhassten Gesichter, die er vor dem Spiegel von seinem Abbild vor Augen geführt bekam, ihm noch einmal begegnen, auf dem Weg ins Gefängnis ist er dann, Monty Brogan (Edward Norton), der für sieben Jahre seine Heimat New York verlassen muss, um seine Schuld an der Gesellschaft mit sieben langen Jahren im Hochsicherheitstrakt zu zahlen.
Das Kinoerlebnis, so ein Allgemeinplatz, gleiche einem Traum. Das Gros aller Filmproduktionen, so kann man zustimmen, befriedigt jenen Wunsch der Zuschauer, im Alltag für durchschnittlich 90 Minuten ins Reich der Illusionen zu entfliehen. Ein Bruchteil der Filme entreißt den Zuschauer diesem (Selbstbe-)Trug. Bedauerlicherweise gehören dazu kaum Liebenskomödien, das neben dem Pornofilm wohl konservativste Filmgenre überhaupt. Me and You and Everyone We Know , das den diesjährigen Spezialpreis der Jury in Sundance und die Goldene Kamera in Cannes abgeräumt hat, ist eine wohltuende Ausnahme und überdies ein wundervoller Film.