Filmkritik: 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß         


Berlinale 2005 - PANORAMA

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß
Malte Ludin

Voraussichtliche Vorstellungen auf der Berlinale 2005
(Das aktuelle, vollständige Programm gibt es unter www.berlinale.de)


CineStar 7
15.2./17:00
CineStar 7 16.2./14:30
CineStar 7 20.2./12:00

Der Film Zwei oder Drei Dinge, die ich von ihm weiß ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung  mit der NS-Vergangenheit in der eigenen Familie. Malte Ludin Films lebt von der Diskrepanz der Meinungen in seiner Familie über den eigenen Vater Hanns Ludin. Hanns Ludin gehörte zu den SA-Führern der ersten Stunde, die den Röhm-Putsch von 1934 überlebten. Während des Krieges war er von 1941-1945 deutscher Gesandter in der Slowakei  und damit verantwortlich für die Deportation der dort lebenden Juden. Während die Schuld und Verstrickung des Vaters an der Vernichtung der Juden, sich aus den erhaltenen Dokumenten für Malte erschließt, klammern sich andere Familienmitglieder, an das Nichtgeschriebene, an die Hoffnung, dass er  zwar die 'Umsiedlung' organisierte, aber nicht Handlanger bei der Vernichtung war.

Diese Konstellation prägt den gesamten Film. Malte ist diesbezüglich seinen Schwestern, insbesondere den älteren Barbara und Ellen, gegenüber im Vorteil, dass er als erst 1942 Geborener, eine unkonkretere Vorstellung und geringere emotionale Bindung an den 1947 gehängten Vater hatte. Aufgrund der starken Einbindung der Familie, angefangen von Aufnahmen der inzwischen verstorbenen Mutter, über seine noch lebenden Schwestern Barbara, Ellen und Andrea, über deren Ehemänner und Kinder zeichnet der Film auch ein gestaffeltes Bild über deren Sicht auf den Vater, Schwiegervater oder Großvater Hanns Ludin.

Der Film „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“  beschäftigt sich gleichzeitig mit der Schuldfrage und dem Umgang durch die Nachgeborenen. Dabei wird deutlich, dass trotz der vergangenen 60 Jahre, dieses Thema in Familien der Täter noch immer größtenteils unbearbeitet geblieben ist.
Malte Ludin beginnt seinen Film mit folgender Ansage 'Dies ist die Geschichte meines Vaters, meiner Mutter , meiner Geschwister, Nichten und Neffen. Eine typisch deutsche Geschichte'. Sich selbst ausnehmend, veranschaulicht schon dieser Satz die Komplexität des Vorhabens einen Film über den Vater zu drehen, der dessen Tun objektiv gerecht werden soll und damit eine emotionale Distanz erfordert, anderseits aber als sein Sohn vor die Opfer und deren Nachfahren zu treten müssen.
Neben ehemaligen Nachbarn, Vermietern und Angestellten in Bratislava kontaktiert Malte Ludin drei Personen von der Opferseite.

Insbesondere das Gespräch mit dem Schriftsteller Tuvia Rübner, dessen gesamte Familie dem Holocaust zum Opfer gefallen war, zeigt, daß auch Malte Ludin nicht völlig frei ist von dem Drang sich der bitteren Konsequenzen, der Sohn eines Massenmörders zu sein, im Gespräch mit den Opfern zu entziehen. So vermeidet er bei der Vorstellung einen Direktbezug zwischen seinen Vater und dessen Funktion in der Slowakei. Diese Szene ist eine der Schlüsselsequenzen, die den Unterschied zwischen dem rationalen Wissen, 'ja mein Vater war an der Judendeportation beteiligt' und dem emotionalen Selbsteingeständnis: 'Ich der Sohn eines Massenmörders', zeigt.

Niemand kann seiner Herkunft und deren Folgen entrinnen, diese Fesselung an die Familien der Opfer und Täter zeigt der Film. Während die Ludins geprägt und belastet wurden vom Wissen um die Taten ihres Vaters, verfolgt die Opfer die Erinnerung an ihre verlorenen Angehörigen. In beiden Fällen sind die Folgen auch noch 60 Jahre nach Kriegsende spürbar. Der  75 jährige Tuvia Rübner hat diese Erinnerung mit einem Gedicht über seine kleine Schwester, die im Holocaust ums Leben kam, festgehalten. Der 63 jährige Malte Ludin drehte über das Leben seines Vaters und dessen Nachwirkungen einen Film, dessen Titel an einen gänzlich anders gearteten Film '2 oder 3 Dinge, die ich von ihr weiß' von Altmeister Jean-Luc Godard erinnert.

Sven Schlünzig

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