Michel Gondry
USA, 2005
Surrealer Sandmann auf Speed
Vor zwei Jahren hat Michel Gondry mit Eternal Sunshine of the Spotless Mind eine Perle des Kinojahres 2004 hervorgezaubert. Die Geschichte um einen Liebesleidenden (Jim Carry), der sich seine Erinnerung an die Geliebte (Kate Winslet) per ärztlicher Gehirnwäsche löschen ließ, begeisterte durch skurrilen Humor, einen Carry in Hochform und vorneweg die surreale Inszenierung. Dieser Formel bleibt Gondry auch in seinem The Science of Sleep treu.
Der schüchterne Neurotiker Stéphane (Gael García Bernal) zieht auf Wunsch der Mutter zurück in die Heimatstadt Paris, wo er seine überbordernde Fantasie in einem kreativen Job ausleben soll. Der Job erweist sich als ödes Layouten für einen Tittenkalender und auch sein eigener Kalender mit dem Titel „Katastrophologie“ – zwölf Grundschulzeichnungen von bekannten Katastrophen – hat keinen Erfolg. Glücklicherweise ist Stéphane ein begabter Wachträumer, der in seinen fantastischen (Tag-) Träumen die Niederlagen des Alltags zu seinen Gunsten wenden kann. Doch die nicht recht glücken wollende Liebe zu seiner wesensgleichen Nachbarin Stephanie (Charlotte Gainsbourg) entreißt ihm die Kontrolle über den Schlaf und entrückt den Traumvirtuosen gänzlich dem Leben.
Gondrys Film sprüht über vor den abgedrehtesten Einfällen. So moderiert Stéphane The Science of Sleep aus einem selbst gebastelten Fernsehstudio und einer fingierten Kochsendung, in der Träume zubereitet werden – dies buchstäblich in seinem Kopf. Die beiden Bildschirme hinter ihm zeigen den Blick seiner Augen, wichtige Figuren werden schon mal als Gast eingeladen und besprechen das im Hintergrund Gesehene. Wenn dieses nicht im Sinne Stéphanes ist, dann ändert er eben den Lauf der Welt in seinem Kopf und plötzlich wachsen ihm etwa Riesenhände, mit denen er die sterbenslangweilige Arbeit nicht mehr verrichten kann, stattdessen den ungeliebten Chef in einen Obdachlosen verwandelt und aus dem Fenster wirft.
Fragmente des an sich schon komischen Alltags – die Dialoge reichen gelegentlich an den Dadaismus Helge Schneiders heran – finden sich in den ungewöhnlichsten, aber immer noch erkennbaren Formen in Stéphanes Traumwelt wieder. So folgt Gondry bei aller Liebe zum Surrealen stets einer suggestiven Traumlogik und verliert sich nicht in seinen Vexierbildern. Am Ende des Films schafft er es sogar, die Tragik der Ereignisse blitzschnell bewusst zu machen, um sie gleich darauf mit dem Reich der Träume zu versöhnen.
Dass Gondry sich in The Science of Sleep nicht um die Eitelkeiten großer Stars und deren Vermarktung scheren muss, merkt man dem freien und radikalen Lauf seiner irrwitzigen Einfälle jede Minute an. Da ist es nur schade, dass der Film außer Konkurrenz läuft, ist er doch – auch ohne viel Pomp – der bisher beste in der Sektion. Ansehen!
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