Udi Aloni
IL, 2006
Letzte Zuflucht: Demut
Syriana wirbt mit der paranoiden Phrase „Everything is connected“. Angemessener wäre diese indes für einen der beiden israelischen Panorama-Beiträge, Udi Alonis Mechilot, der israelische Mythen, tödlichen Okkupationsalltag und Leben in der Diaspora zu einem gebetgleichen Plädoyer zu Demut mit einander verwebt.
Der amerikanische Jude David (Itay Tiran) lebt mit und leidet unter mehreren Identitäten. Als Sohn eines erfolgreichen Künstlervaters genießt er weitestgehenden Müßiggang, missbilligt jedoch auch die väterliche Verleugnung Israels. Als junger Mann hat der Auschwitz-Überlebende nämlich für Israel gekämpft, um dann nach Amerika zu emigrieren und ein friedliches Leben zu führen. David geht daher gegen den Widerwillen des Vaters nach Israel und meldet sich dort freiwillig. Bei einer Patrouille in Rammalah erschießt der unerfahrene Soldat ein kleines Palästinensermädchen und kommt in ein Sanatorium für traumatisierte Armeeangehörige. Dort versucht er sein Schicksal – emblematisch für den gesamten Nahost-Konflikt – zu verstehen, wobei ihm der mysteriöse Heimbewohner „Muselmann“ (Moni Moshonov) zu helfen versucht.
Die überwiegend sich in Erinnerungen abspielende Erzählung findet im Sanatorium statt. In der Geschichte des bedacht gewählten Ortes lassen sich bereits alle Elemente finden, die Mechilot ausmachen: Am 9.4.1948 machten israelische Streitkräfte das palästinensische Dorf Deir Yassin dem Erdboden gleich und exekutierten über 100 seiner Bewohner. Kurz darauf baute man auf den Überresten des Dorfes das Sanatorium Kfar Shaul, dessen Name „geborgtes Dorf“ bedeutet und dessen erste Bewohner gebrochene Holocaust-Überlebende waren. Unter Führung “Muselmanns” – eine deutsch-jüdische Bezeichnung für verzweifelte KZ-Insassen, die auf dem Boden liegend zu Gott beteten – graben sie in Mechilot das palästinensische Dorf aus und sammeln die kläglichen Überreste wie wertvolles Kleinod aus einer anderen Zeit. Sie, die ins Mythische gerückten Begründer Israels, entziehen sich den scheinbar klaren Fronten, die Aloni im zeitgenössischen Israel als auch in Amerika aufzeigt.
Mechilot begnügt sich nicht mit simplen Worten und noch viel weniger mit fixen Patentlösungen. Leid und Schuld der Israelis werden ebenso aufgearbeitet wie das der Palästinenser. Aloni ist sichtlich bemüht, das historische Gesamtbild nicht aus den Augen zu lassen – David greift im Wahn sogar zu einer deutschen Offizierspistole – und urteilt daher nicht. Vielmehr hält er es mit „Muselmann“, dessen finales Erlösungsritual auf die demütige Klage um Gottes Gnade hinausläuft. Das Politische dieses Psychothrillers besteht also in Alonis Mut beiden einander verhassten Völkern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die Kommentarfunktion ist vorübergehend deaktiviert.