Takashi Miike
J, 2006
Avantgarde vom Altmeister
Takashi Miike hat sich zumindest westlichen Zuschauern neben Koroshiya 1 (Ichi the Killer) vor allem durch seinen ultrabrutalen Film _Ôdishon (Audition)_ ins Gedächtnis gebrannt, der selbst Hartgesottenen an manchen Stellen – die Augenszene! – zusetzen konnte. Sein im Panorama gezeigter Film 46 Oku Nen No Koi schwört harten Bildern nicht ab, überrascht aber mit abstrakt-poetischen Bildern.
Jun (Ryuhei Matsuda) ist Kellner in einer Schwulenbar und bringt einen seiner Kunden brutal um, nachdem dieser ihn bedrängte. Der Gewaltmensch Shiro (Masanobu Ando) hat eine Frau vergewaltigt. Beide Männer kommen am selben Tag in ein Gefängnis. Der Hänfling Jun und der stets schlagbereite Shiro werden Freunde. Doch eines Tages wird Shiro erdrosselt vorgefunden, neben ihm Jun, der behauptet, die Tat begangen zu haben. Untersuchungen setzen ein, die eine unglaubliche Wahrheit aufdecken.
46 Oku Nen No Koi ist ein avantgardistischer Experimentalfilm. Am Anfang verliest Miike einige Zeilen und sinniert darin über die Auswirkung auf unseren Blick, wenn wir 100, 1000 oder 10.000 Jahre in der Zukunft wären und zurück blickten. Es folgen in Kapitel aufgeteilte Impressionen, die um die simple Geschichte gruppiert große Themen wie Gewalt, Freundschaft oder Mannwerdung berühren. Miike visualisiert sie mit allen Mitteln der Entfremdung bis ins Surreale hinein. So erinnern die vielen nur umrissenen, von Schwarz umgebenen Räume an die Ästhetik von Dogville und Manderlay. Anderes besitzt einen eigenen Code: Um das im Nirgendwo verlorene Gefängnis ist wie um ein Konzentrationslager ein elektronischer Zaun gezogen, ein startbereites Raumschiff steht auf der einen Seite, eine Inkapyramide auf der anderen – ein verwaister Schmetterling flattert, nicht mehr lange, über dieser Traumlandschaft.
Miikes Film ist eine enigmatische Reise in die Köpfe zweier jugendlicher Schwerverbrecher und wird als solche den geneigten Zuschauer auch noch lange nach dem Sehen beschäftigen. Eine bedingte Empfehlung für Fans des Regisseurs, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind, und für Freunde des unlösbaren (Alb-) Traumkinos.
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