Hier finden Sie den Abschlussbericht zur Berlinale 2008 von unserem Berlin-Korrespondenten Thomas Hajduk. Sie sind auf der Suche nach der Liste aller in Berlin besprochenen Filme? Dann sind sie hier an der richtigen Stelle.
Ein guter Jahrgang
Die Berlinale ist vorbei, die Bären vergeben und die Entscheidung der Preis-Jury war unkalkulierbar wie eh und je. Gewonnen hat den Goldenen Bären der brasilianische Beitrag Tropa de Elite (Foto). In seinem Heimatland löste Regisseur José Padilha mit seinem Film eine Diskussion über polizeiliche Willkür, Folter und Korruption aus. Padilhas Filmdebut hinterließ trotz einiger stilistischer Mängel auch in Berlin einen starken Eindruck, vor allem wegen der brutalen Folterszenen. Als einen Anwärter auf Goldenen Bären jedoch hat vor der Preisverleihung niemand Tropa de Elite gesehen.
Den Hauptpreis der Berlinale hätte wohl eher There Will be Blood verdient – zumindest nach Meinung der Kritiker. Paul Andersons Epos um Kapitalismus und religiösen Fundamentalismus im Amerika der vorletzten Jahrhundertwende hat alles, was Kritiker wie das Publikum gleichermaßen erfreut: Eine gut erzählte, kritische Geschichte, eine brillante Besetzung, imposante Bilder und eine hervorragenden Filmmusik.
Doch anders als 2000, als Anderson den Goldenen Bären für Magnolia bekam, erhielt er in diesem Jahr “nur” den Silbernen Bären für die beste Regie. Dazu gab es noch einen Bären für herausragende künstlerische Leistung, die Jonathan Greenwood von Radiohead für die musikalische Untermalung des Epos erhielt. Über die beiden Auszeichnungen können sich Anderson und Greenwood zwar freuen, den begnadeten Daniel-Day Lewis‘ in der Hauptrolle überging die Jury allerdings – vielleicht, weil man damit rechnet, dass er ohnehin in Kürze den Oscar als bester Hauptdarsteller für die Rolle nach Hause nehmen darf.
Der Silberne Bär für den besten Darsteller ging stattdessen an Reza Najie. Der gab im iranischen Beitrag Avaze Gonjeshk-ha einen vom Schicksal – und vom Kapitalismus – gebeutelten Familienvater. Als solcher rührte er das Publikum mit leisen Gesten zu Tränen und ist daher sicherlich nicht die schlechteste Wahl. Gegen Lewis freilich wirkt Najie etwas blass.
Davon kann bei Sally Hawkins, die den Silbernen Bären für die beste Darstellerin gewann, nicht die Rede sein. Die Britin spielte in Mike Leighs Komödie Happy-Go-Lucky eine lebenslustige Grundschullehrerin. Der Film lebt von der ungemeinen Ausstrahlung Hawkins‘, die es subtil schafft, die ernsten (Schatten-) Seiten eines fröhlichen Gemüts auszuleuchten und trotzdem frohgemut bleibt.
Dieser unverwüstliche Optimismus und die kindlichen Clownereien waren ein willkommenes Kontrastprogramm zu Tod und Elend des übrigen Wettbewerbs. Auch das ein Grund, warum die versammelten Kritiker bei der Vorführung von „Happy-Go-Lucky“ nicht nur immerzu lachen mussten, sondern mehrfach Beifall klatschten. Wie gut Hawkins ihre Rolle spielte, merkte man sogar gerade an jenen Rezensionen, die den Film wegen seiner „überdrehten“ Hauptdarstellerin schlecht bewerteten.
Während der Silberne Bär für beste Regie an den Wang Xiaoshuai für den chinesischen und unscheinbaren Beitrag Zuo Youi ging, zeigte die Vergabe des Großen Preises der Jury ein altes Problem der Berlinale: Das Verhältnis von Politik und Kunst. Errol Morris erhielt den renommierten Preis für seinen Dokumentarfilm Standard Operating Procedure – als hätte es nicht schon gereicht, dass Morris’ Dokumentarfilm der erste gewesen ist, der bisher zum Wettbewerb zugelassen wurde! Allein dieses Privileg zeigte deutlich den Willen des Berlinale-Komitees, Politik notfalls über Kunst zu stellen.
War Morris Doku über den US-Verteidigungsminister des Vietnamkrieges McNamara eine faszinierende Geschichtsstudie, so enttäuschte sein Beitrag über die Folterknechte in Abu Ghraib durch Inhalt und Präsentation. Weder hat er Erkenntnisse gebracht, die das bisherige Bild erweitern – nur einige niedrige Dienstgrade wurden als Sündenböcke verurteilt –, noch den richtigen Ton für das ernste Thema getroffen: Eine bombastische Filmmusik und dramatische Spielfilmszenen hätte es nicht gebraucht, um den Folterskandal in seiner ganzen Abscheulichkeit in Erinnerung zu rufen. Die Jury hat das wenig gestört. Die Dokumentation ist zeitnah und (amerika-) kritisch, was ihre filmischen Unzulänglichkeiten scheinbar mehr als ausgleicht.
Und was gab es sonst auf der Berlinale? Mehr Fachvertreter und Besucher vor allem. Rund 230.000 Publikumskarten wurden verkauft. Das waren fast 6.000 mehr als letztes Jahr. Und auch die Stars und Sternchen waren zahlreicher auf der diesjährigen Berlinale.
Das bedeutete nicht, dass ihre Beiträge es auch waren. Der Eröffnungsfilm Shine a Light von Martin Scorsese war allenfalls ein guter Konzertmitschnitt eines Rolling Stones Auftritts und kein zweites No Direction Home, Scorseses meisterhafte Dylan-Doku. Die Eröffnung der Filmfestspiele in Anwesenheit der Stones mochte viele Blitzlichter ausgelöst haben, war aber schnell vergessen. Auch Madonnas Regiedebut Filth And Wisdom fiel in diese Kategorie. Mit großem Tam-Tam angekündigt und vom Eintreffen der Diva in den Schatten gestellt, wurde es gnadenlos verrissen.
Alles in allem war die 58. Berlinale ein guter Jahrgang. Sie hatte ihre großen Filme und (politischen) Fehlgriffe genauso wie den (gewachsenen) Glamour des Roten Teppichs. Und daneben gab es wie immer die (Glücks-) Funde in den Nebensparten Forum und Panorama, die bei einem Filmprogramm von 380 Filmen aus 59 Ländern wie schon so oft auch in diesem Jahr weitaus aufregendere Filmerlebnisse bereit hielten als der Wettbewerb.
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