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Adam & Paul

Lenny Abrahamson
UK, 2004

Adam und Paul heißen sie, doch wer von beiden wer ist, erfährt man nie in Lenny Abrahamsons Film. Begrüßt werden sie immer nur mit ‘Hello Adam and Paul’, und alles machen sie gemeinsam: Abhängen in den ärmsten Gegenden Dublins, das Suchen einer Schlafgelegenheit für die Nacht, einer Geldquelle oder nach dem nächsten Schuss. Adam & Paul erzählt von seinen beiden Helden mit unerwartet lockerer Attitüde: Laurel and Hardy seien, sagt Abrahamson, ein Vorbild gewesen und Beckets Waiting for Godot. Neu inszeniert hat er jenes Becket-Stück in einer der besten Sequenzen des Films, als Waiting for Whats-his-Name. Adam und Paul stehen da an einer Straßenecke und warten, warten auf jenen Namenlosen, ohne dass man je wirklich erfährt, warum. Absurd ist das, und tragisch, und komisch zugleich. Dem Regisseur gelingt mit seinem Film die Gratwanderung, auf die er sich begeben hat – es ist ein Balanceakt, von sterbenden Junkies zu erzählen, als seien sie Figuren früher Stummfilm-Slapstick-Kmödien oder eines Godot-Stückes.

Einen großen Beitrag zum Erfolg leisten sicher die beiden Hauptdarsteller, die ihre Helden einfühlsam und sympathisch verkörpern: Der eine, hager und knochig, erträgt stoisch die Welt um ihn herum – das fällt ihm aber auch leichter als seinem Leidensgenossen, der kleingewachsen und vom Heroin bereits mit einem ernsthaften Sprachproblem gezeichnet immer neue Verletzungen abbekommt. Die unfaire Welt um sie herum zeichnet sich in seinem Körper ab, eine verletzte Hand, ein verletztes Bein, mit der Zeit ein Autounfall, bei dem er sich seinen Kopf verletzt. Wenn das Schicksal es dann doch einmal gut mit ihnen meint, dann ist das inszeniert wie ein göttlicher Wink. Die Drogen, die sie sich nicht leisten können, fallen ihnen aus dem Himmel vor die Füße, ein Fernseheer, den sie zu verhehlen versuchen, wird direkt vor ihren Augen abgestellt und unbeaufsichtigt zurückgelassen. Es tut gut, dass sich die Tragik der Geschichte, dass sich die Probleme, die das Junkie-Leben zur Hölle machte, auflöst in den Absurditäten und dem Humor, es tut gut, lachen zu dürfen obwohl vom Tod gesprochen wird, von Armut und Sucht.

Zu kaum etwas anderem als zum Lachen kommt man in Crustacés & Coquillages von Olivier Ducastel und Jacques Martineau: Ein französischer Film, wie er im Buche steht, die ganze Zeit über wird geredet und das beinahe ausschleßlich über Sex. Um ein Sommerhaus geht es, bewohnt von einer Familie und ihrem Teenager-Sohn, die Tochter schon ganz zu Beginn durchgebrannt nach Portugal, mit ihrem Biker-Freund. Dass ihr Sohn schwul sei, vermuten die Eltern, und den Vater scheint dieser Gedanke in den Wahnsinn zu treiben. Er spioniert seinem Sohn nach und dessen Freund, der nach ein paar Tagen ebenfalls in das Ferienhaus einzieht. Besser, er hätte seine Frau im Auge behalten, denn die vergnügt sich im Urlaub vorzugsweise mit ihrem Liebhaber am Strand. All der Ehebruch und all die sexuelle Verwirrung, sie wäre in anderen Filmen als Drama erzählt worden – hier führen sie zu einer wunderbaren Komödie, Crustacés & Coquillages ist von einer behenden Leichtigkeit, die Charaktere geben mittendrin sogar zwei Gesangseinlagen, und man hätte sich das auch alles als Musical vorstellen können – so viel Bewegung gibt es zwischen den Figuren, so viel Liebe und Lebensfreude und Spaß.

Sie seien ja so konventionell, die Teenager von heute, sagt die Mutter dann am Ende, wenn jeder mit einem anderen zusammengekommen ist, als man dachte und alle sich noch immer gar wunderbar vertragen – und nur der Sohn ein wenig überfordert von all der Freizügigkeit in seiner Familie sich zunächst mal einen Drink genehmigt.

Eine gute Quelle für Filme wie Crustacés & Coquillages ist das Panorama – bei manchen fragt man sich, warum sie ihren Weg nicht in den Wettbewerb gefunden haben. So bemüht ist die offizielle Auswahl um große Namen und sozialpolitisch relevante Themen, dass das Auge für die kleinen Perlen manchmal gelitten zu haben scheint, die den Besuch von Festivals so aufregend machen. Crustacés & Coquillages gehört zu jenen Filmen, er entläßt einen mit der Gewissheit, dass das Leben doch so schlecht gar nicht sein kann. Eskapistisch? Vielleicht, aber es macht Spaß.

Benjamin Happel

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