Wenn Kunst ins Kino geht: Die Documenta 11 von filmischer Seite aus betrachtet
Kaum eines der großen Feuilletons der Republik hat es sich in den letzten Monaten nehmen lassen, darauf hinzuweisen, daß die diesjährige Documenta ihren Namen weit wörtlicher nimmt als die vergangenen. Während die weltgrößte Kunstausstellung in den letzten 10 Jahren eher in postmodernen Selbstzitaten zu ersticken drohte, fällt diesmal vor allem der –tatsächlich dokumentarisch zu nennende– Zugang zu den von den Künstlern behandelten Themen auf: Ein Großteil der vertretenen Künstler schraubt ästhetische Ansprüche zu Gunsten einer Repräsentation der Lebensumstände in beinahe allen Teilen der Welt zurück. Und da sich für diese Zurücknahme das –a priori neutrale– Medium des Films besonders zu eignen scheint, wirkt, auch dieses ist bereits vom Blätterwald bemerkt worden, die Documenta 11 an vielen Stellen eher wie ein Filmfestival, das sich ins Museum verlaufen hat denn wie eine herkömmliche Kunstausstellung.
So präsentiert sich dem cineastisch interessierten Besucher gleich nach dem Eintritt in die labyrinth-artig gestalteten Hallen der Binding-Brauerei das erste Kunstwerk als filmgeschichtlicher Kommentar. Nunavut (Our Land) so der Name der ersten Installation von Igloolok Isuma Productions. Auf 13 Bildschirmen wird man mit den 13 nebeneinander ablaufenden Teilen einer Inuit-Docusoap konfrontiert, die das Leben der Inuit im ewigen Eis fiktionalisiert darstellt. Sofort fühlt man sich –und das ist sicherlich kein Zufall– erinnert an Flahertys Filmklassiker Nanook of the North, der den Inuit Nanook bei seinen alltäglichen Erlebnissen von der Jagd bis zum Iglubau mit der Kamera verfolgte. Nicht erst in den letzten Jahren sind Filme wie Nanook, aber auch zeitgenössische Dokumentationen wie die des National Geographic in die Kritik geraten, da sie einen enorm verzerrenden “westlichen” Blick auf die Personen und Kulturen zeigen, die sie vermeintlich neutral dokumentieren wollen. So entsteht ein oft romantisch-verklärendes oder rein auf Schauwerten aufbauendes Bild, daß die dargestellten Akteure zu bloßen Blickobjekten degradiert. Igloolik Isuma Productions ist eine von Inuit geführte Filmproduktionsfirma, die mit ihrer Docusoap einen Blick auf Kultur und Alltag der Inuit ermöglicht, der nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren der gezeigten Welt selbst entstammt.
Diese filmhistorische Anspielung, die verdeutlicht, inwiefern hier zeitgenössische Künstler versuchen, sich dem Eurozentrismus der westlichen Kultur zu entziehen und ein eigenes künstlerisches Bewußtsein aufzubauen, ist nicht zufällig am Eingang einer der Ausstellungshallen situiert, denn hier wird programmatisches geleistet: Die meisten der auf dieser Documenta vertretenen Künstler verfolgen ähnliche Strategien der Entmachtung des objektisierenden Blicks. Ein regelrechter Klassiker dieser Vorgehensweise ist sicher der im Kulturbahnhof ausgestellte Film Handsworth Songs des Black Audio Film Collective. Die Gruppierung dokumentiert in ihrem inzwischen auch ausführlich theoretisch untermauerten Werk gewalttätige Demonstrationen in der Stadt Handsworth unter Thatcher. Die Distanzierung vom Blick der dominanten Kultur findet auch hier eindeutig statt, wenn die Berichterstattung aus den offiziellen Medien mit selbstgedrehtem Material, Interviews und poetischen Texten zwischengeschnitten wird, und die –in diesem Fall wenig versteckte– Xenophobie der offiziellen Medien auf diese Weise bloßgestellt wird. Mit Handsworth Songs stellt die Documenta nun tatsächlich ein Werk aus, das man eher im Kino denn im Museum vermuten würde, und auch viele der anderen Arbeiten befassen sich explizit mit kinematographischen Problemen und Fragestellungen oder waren sogar bereits –wie Mona Hatoums Arbeit Measures of Distance– im Kino zu sehen.
Einige Arbeiten, wie Jonas Mekas auf der letzten Berlinale gezeigten As I was moving ahead, occasionaly I saw brief glimpses of beauty, verbannten denn auch die Kuratoren aus den Ausstellungsräumen in das angestammte Territorium des Kinos, welches allerdings glücklicherweise direkt neben dem Kulturbahnhof, liegt.
Die Affinität zum Kino ist allerorten spürbar, Lorna Simpsons 31 beispielsweise erinnert in seiner Vorgehensweise stark an den großartigen Timecode von Mike Figgis, der in Deutschland bisher leider nur auf DVD erhältlich ist. Simpson verfolgte zwei Frauen jeweils 24 Stunden ununterbrochen mit ihrer Kamera um ihren gesamten Tagesablauf so zu dokumentieren. In ihrer Installation in der Binding Brauerei nun sind 31 Fernsehschirme in die Wand eingelassen, auf denen die beiden entstandenen Filme zeitversetzt ablaufen. Die beiden Frauen begegnen sich den ganzen Tag über nicht, es entstehen also prinzipiell zwei unterschiedliche Narrationen, die sich aber mindestens durch die Installation beständig vermischen. In diesem Nebeneinander von Monitoren ist sicherlich auch ein Überwachungsdispositiv angesprochen, wie es eben auch in Figgis’ Timecode auftritt. In Timecode sind es nicht 31 Monitore, die Leinwand ist aber immerhin viergeteilt, und auf allen vier Teilen kann der Zuschauer unterschiedliche, sich aber bisweilen überschneidende Handlungsabläufe verfolgen. Die Ähnlichkeit zwischen Simpsons und Figgis’ Werk soll hier nicht überstrapaziert werden, immerhin ist der dokumentarische Aspekt von Simpsons zusammengenommen 48 Stunden Filmmaterial ein ganz anderer als die kondensierte 80-minütige fiktionale Handlung bei Figgis, aber in der Art und Weise, in der beide den Rezipienten in die Position eines Überwachers rücken, sind sich die Arbeiten nicht unähnlich.
Diese Vermischung von Videoinstallation und filmischen Fragestellungen findet sich auch in Eija-Lisa Ahtilas Film The House, zu sehen in der Binding Brauerei. In 14 Minuten wird hier die Geschichte einer Frau erzählt, die langsam einer Psychose verfällt, die beginnt, die Geräusche außerhalb ihres Hauses überdimensioniert laut wahrzunehmen und Stimmen zu hören. Faszinierend an dieser Arbeit ist vor allem der Einsatz von drei großen Leinwänden, auf die Triptychon-artig der Film projiziert wird, was wundervolle filmische Möglichkeiten eröffnet. So wird beispielsweise im mittleren Feld die Protagonistin gezeigt, die angsterfüllt durch ihr Fenster blickt und gleichzeitig beschreibt, wie sie den Blick aus dem Fenster wendet, während auf der linken Leinwand gleichzeitig eben jener subjektive Blick gezeigt ist. Rechts währenddessen zeigt die Kamera zeitgleich einen Blick “über die Schulter”, den die Darstellerin selbst so gar nicht haben kann, was im Zuschauer ein Gefühl der Entkörperlichung hervorruft, ein Gefühl, das den pychologischen Zustand der porträtierten Person eindrucksvoll in Bilder zu fassen vermag. Die genannten Arbeiten sind nur einige der ausgestellten Filme, es lassen sich desweiteren auch neue und alte Arbeiten von solchen Größen wie Chantal Akermann, Trinh_T. Minh-Ha oder Ulrike Ottinger bewundern.
Der Besuch der diesjährigen Documenta war ein Fest für jeden Cineasten und läßt hoffen, daß zukunftsweisende Präsentationsformen wie die museale Inszenierung der Folgen einer Fernsehserie in Nunavut sich auch auf den Filmfestival-alltag auswirken wird und dort zu mutigeren Vorführungsweisen führt, als den Film immer nur im Kino zu lassen. Es ist schön, der Vermischung von Kunst und Kino zuzusehen, denn das Kino in seiner traditionellen Form hat sicherlich der Kunst, insbesondere natürlich der Installation viel zu geben und eine Symbiose der beiden ist ein Bund, in dem jede der Kunstformen nur gewinnen kann. Dies zu zeigen war vom filmischen Standpunkt aus betrachtet sicherlich einer der größten Verdienste der Documenta 11 und ihres Kurators Okwui Enwezor.
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