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Match Point

Woody Allen
UK/USA, 2005

Chris Wilton bringt die besten Vorraussetzungen mit. Er ist jung, charmant, gutaussehend und intelligent. Damit macht er wett, daß er aus einfachen Verhältnissen stammt. Seinem Talent verdankt er einen Job als Trainer in einem der nobelsten Tennisclubs Londons. Als Privatlehrer knüpft er dort schnell vielversprechende Kontakte zu den einflußreichen Hewetts, eine Familie alten Geldadels. Chris erkennt seine Chance und nutzt sie. Er gibt sich kultiviert und hört Opern. Abends paukt er Lektürehilfen für Schüler, um später Eindruck mit seinem Wissen über Dostojewski zu schinden. Als Chloe Hewett sich für ihn interessiert, scheint sein kalt kalkulierter Plan tatsächliche aufzugehen. Der gesellschaftliche Aufstieg ist zum greifen nah. Doch da begegnet er der falschen Frau: Nola Rice, die mit Scarlett Johannson perfekt besetzt ist. Sie ist nicht nur schön und sexy, sondern sie spielt das selbe Spiel. Auch Nola hofft durch die Verlobung mit Tom Hewetts auf den sozialen Aufstieg. Sie warnt Chris, nicht ihre und seine eigene Zukunft durch eine Affäre zu gefährden. Die beiden verlieren sich aus den Augen, während Chris Chloe heiratet und Tom seine neue Freundin. Die Ehe zwischen Chris und Chloe beschränkt sich schon bald auf Chloes zwanghafte und mechanische Versuche, ein Kind zu bekommen. Chris flüchtet sich in eine leidenschaftliche Beziehung zu Nola, die er zufällig wieder trifft. Eine zeitlang geht das Ganze gut, doch dann wird ausgerechnet Nola schwanger. Sie setzt Chris massiv unter Druck, der seine erworbene Stellung nicht aufgeben möchte. Sein letzter Ausweg ist ein kühner Mord an Nola und ihrer unbeteiligten Nachbarin.

„Match Point“ ist der erste Film von Woody Allen, der vollständig außerhalb New Yorks gedreht wurde. Das Kühle und Graue des Wetters in London korreliert mit der Grundstimmung des Films. Eine Stadt wie ein Pokerface. Die Metapher des Spiels und des Spielballes, von dem man nicht weiß, wohin er fliegen wird, durchzieht den gesamten Film. Die beiden Hauptfiguren werden durch den Ball eingeführt. Man sieht sowohl Chris als auch Nola zuerst beim Tennis- beziehungsweise Tischtennisspiel. Aber bevor sie selbst im Bild sind, ist der Ball zusehen, der Match-Ball, der den Gegner vom Platz fegt. Der Ausgang des Tischtennisspiels zwischen den beiden, läßt das Ende des Films vorausahnen. Die Metapher zeigt auch, was Chris und Nola verbindet. Sie sind Taktiker ohne Gefühl, die für jede Aktion die Erfolgschancen vorausrechnen. Und sie sind Spieler. Sie machen anderen etwas vor, inszenieren eine Schau. Über Chris wird auch treffend gesagt, er sei jemand, der davon lebt, andere aufs Glatteis zu führen. Sie passen sich den Bedürfnissen derer an, die sie weiter bringen. Sind mal heißblütiger Liebhaber, mal kulturinteressierter Schöngeist. Vor allem Chris ist aber auch Spieler in einem anderen Sinne. Er liebt die Spannung, die Situation, in der nicht Talent und Können entscheiden, sondern das Glück. Für Chris stellt das Leben das Spiel schlechthin dar. „Der Mann, der gesagt hat: ‚Ich hätte lieber Glück als Talent’, hat tiefe Lebensweisheit bewiesen.“. Diesen Spruch stellt Chris als sein Motto dem Film voran.
Chris verspielt seine anfänglichen Sympathien. Man mag den einfachen Jungen, der sich durch Fleiß hochgearbeitet hat. Sein sozialer Aufstieg ist aber durch einen moralischen Abstieg begleitet, der durch zahlreiche Treppen symbolisiert wird. Der Tiefpunkt ist Chris abscheulicher Doppelmord. Und er macht dabei Fehler. Fehler, die ihn zur Strecke bringen müßten. Jeder, mit Krimierfahrung sieht Chris schon verhaftet.

Aber Woody Allen erweist sich als hinterhältiger Regisseur. Die Erwartungen und Andeutung wenden sich ins Gegenteil. Sein Können offenbart sich in den Ellipsen. Er hat es nicht nötig, Handlungsmuster explizit zu machen. Die Handlung wird vielfach verkürzt gezeigt. Nur Symptome und Ereignisse, Reaktionen, selten Aktionen werden präsentiert. Auffällig oft ist die Handlung ins off des Bildes verlegt. Der Zuschauer wird sich seiner beschränkten Rolle als bloßer Zuschauer bewußt. Wir können nicht in das Spiel eingreifen. Wie der Spielball sind wir nicht kontrollierbaren Kräften ausgeliefert.
Im richtigen Moment dehnt Allen die Peripetie des Dramas. Der Ausgang der Handlung liegt in der Schwebe. Chris Glückssträhne scheint ins Unglück umzuschlagen. Die Polizei ist sogar auf der richtigen Fährte. Aber Glück ist außermoralisch. Glück trifft manchmal auch den, der es nicht verdient, und es hat offenbar einen äußerst sarkastischen Humor. Und so bleiben wir nach dem Abspann mit einem beklemmenden Gefühl im Kinosaal zurück. Ebenso deutlich wird aber auch, daß Glück zu haben nicht bedeutet, glücklich zu sein.

Martin Urban

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