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Erinnerung als Konkurrentin: Was wir meinen zu sehen, wenn wir Remakes sehen

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Erinnerung als Konkurrentin: Was wir meinen zu sehen, wenn wir Remakes sehen

Photo: Santeri Viinamäki, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Das Publikum im Publikum

Es gibt einen Mitblicker auf jeder Kinoreihe, den kein Platzanweiser je zu sehen bekommt: die eigene Erinnerung. Wer einen neuen „Der weiße Löwe“ oder eine deutsche Neuadaption eines Klassikers der Nachkriegszeit besucht, trägt stets ein zweites Bild im Kopf mit hinein – jenes erste, oft in der Kindheit oder Jugend gefundene, das untrennbar mit einem eigenen Lebensmoment verknüpft ist. Das Remake tritt daher nie gegen das Original an, sondern gegen ein Erinnerungsbild, das durch die Jahre hindurch nur besser werden konnte: perfekt komponiert, unanfechtbar, weil es längst Teil der eigenen Biografie ist.

Die doppelte Verfilmung als deutsches Grundmuster

Die deutsche Filmgeschichte ist von vornherein eine Geschichte der Wiederholung. Heinrich George und Fritz Rasp, Heinz Rühmann und später die unzähligen Neulesungen der Stoffe nach Erich Kästner, die mehrfache Bearbeitung von „Das Boot“ in Serie und Schnittfassung – kaum ein Land hat seine Stoffe so beharrlich wiederaufgelegt wie dieses. Das hat weniger mit Ermangelung an Ideen zu tun als mit einem eigentümlichen Verhältnis zur eigenen Vergangenheit: Der deutsche Film erzählt sich gern selbst neu, um sich selbst zu begreifen. Wer „Berlin – Alexanderstadt“ von Piel Jutzi von 1931 neben die Neuverfilmung von 2021 legt, sieht nicht nur zwei Filme, sondern zwei Gesellschaften, die sich gegenseitig über die Schulter blicken.

Wenn die Kopie die Vorlage entzaubert

Der Vorwurf, Remakes seien überflüssig, geht indes oft fehl. Denn manchmal lehrt erst die Kopie etwas über die Vorlage. Wer Michael Haneke seine eigene „Funny Games“-Neuverfilmung mit US-Besetzung drehen sah, verstand hinterher schärfer, dass es in dem Stoff nie um Amerika ging, sondern um das Publikum selbst – das ja in beiden Sprachräumen dasselbe war. Die Neuverfilmung war im Grunde ein Kommentar in Form einer Kopie, ein Beweis, dass die Botschaft grenzüberschreitend gilt. Ähnliches gilt für die vielen Neuinterpretationen von Sönke Wortmanns Stoffen oder die wiederholten Verfilmungen von Fontane und Storm: Erst die Verschiebung in eine neue Zeit verrät, was am alten Text zeitgebunden war und was überdauert.

Der Vergleich als Verlustgeschäft

Nichtsdestotrotz bleibt der Vergleich häufig ein Verlustgeschäft, und das liegt an einer Asymmetrie, die die Filmwirtschaft nur ungern ausspricht: Das Original war zum Zeitpunkt seiner Entstehung neu, das Remake ist es per Definition nie. Es kann brillant sein, es kann handwerklich überlegen sein – aber es kann nicht der erste Eindruck sein. Deshalb wirken Remakes oft „kleiner“, als sie sind. Nicht der Film schrumpft, sondern der Abstand zwischen Erwartung und Erfahrung. Die Kritik, die das Remake bemisst, misst in Wahrheit die eigene Jugend.

Wann die Neuverfilmung gewinnt

Es gibt gleichwohl Momente, in denen die zweite Fassung etwas abgewinnt, das das Original nicht besaß: dann nämlich, wenn sie die Erwartung nicht bedient, sondern verschiebt. Wenn sie den alten Stoff nicht konserviert, sondern ihn als Frage wiederholt – so wie man eine alte These an einem neuen Fall prüft. Die beste Adaption ist keine Kopie, sondern eine Gegenlektüre. Sie sagt zum Original: Ich habe dich verstanden, und trotzdem sehe ich dich anders. Wer als Zuschauer bereit ist, auch die eigene Erinnerung zu hinterfragen, kann aus dem Vergleich einen Gewinn ziehen: das Original besser verstehen, das Remake gerechter sehen.

Vielleicht sollte man künftig weniger fragen, ob ein Remake nötig war, und mehr, was es uns über das erste Mal erzählt. Denn das Kino-Gedächtnis ist kein Archiv, sondern ein lebendiger Erzähler – und er lässt sich auch im zweiten Anlauf neu erstaunen.

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